Elbebiber

Jakobsweg Camino de Frances 11.05.2012 – 27.05.2012

Einschließlich der An- und Abfahrt war ich vom 11.05.2012 bis zum 27.05.2012 mit der Unternehmung „Mit dem Rad auf dem Jakobsweg“ beschäftigt. Auf den folgenden Seiten erfolgt ein kurzer Abriss der Tour, die effektiv 13 Radtage vereinnahmte, ich werde aber vorab auf einige nützliche Hintergrundinformationen zu An- und Abreise, zu Unterkünften, Stempelstellen für den Pilgerpass etc. eingehen, da diese für künftige Jakobswegradler durchaus von Interesse sein könnten. Auf die Beschreibung von Sehenswürdigkeiten oder einer Erklärung deren Bedeutung verzichte ich. Hier kann sich jeder bei Wikipedia oder anderen hilfreichen Seiten selbst ein Bild machen.

1.) Die Idee:

Nachdem ich bereits im Jahr 2011 von Passau nach Belgrad in Serbien entlang des Donauradweges geradelt bin, brauchte ich für 2012 eine neue Herausforderung. Beim Stöbern in der Buchhandlung strahlte mich das Bikelineheft mit dem Titel „Der Jakobsradweg“ immer wieder an und lies mich die Idee, auf dem Camino nach Santiago de Compostela zu radeln nicht mehr los. Nach der Lektüre verschiedener Websites war mir natürlich klar, dass der Jakobsweg ein anderes Kaliber im Vergleich zum Donauradweg darstellt, der nur kurz vor Belgrad zwei größere Steigungen aufweist. Insofern ist auch der Bikelinetitel „Der Jakobsradweg“ schlechthin nur reißerisch, denn der Jakobsweg ist und bleibt in erster Linie ein Pilgerweg, der grundsätzlich für Fußpilger ausgelegt ist. Darüber kann auch nicht hinwegtäuschen, dass immer mehr Pilger mit dem Rad in Santiago ankommen. Der Originaljakobsweg ist auch nicht durchgängig mit dem Rad befahrbar, da dieser felsige Bergpassagen aufweist, allerdings werden in den verschiedenen Radführern hierzu radtaugliche Umgehungsrouten auf Nebenstraßen ausgewiesen, so dass die Gesamtstrecke auf dem Camino de Frances recht gut mit dem Fahrrad zu bewältigen ist, zumindest wenn das Wetter mitspielt. Man muss sich natürlich im Klaren darüber sein, dass auf dem Jakobsweg durch das nordspanische Gebirge mehrere teilweise extreme Höhenmeter überwunden werden müssen. So muss der 1.530 Meter hohe Monte Irago genauso bezwungen werden wie der 1.300 Meter hohe Alto Cebreiro, mithin müssen also Berge passiert werden, die höher sind als der Fichtelberg, der mit 1.214 Metern Höhe der höchste Berg Ostdeutschlands ist. Für ein genussvolles Dahinradeln auf ebenem Terrain ist mithin kein Raum, wenn man sich der Unternehmung Jakobsweg stellen will.

2.) Die Anreise und Rückreise:

Der Camino de Frances, mithin die klassische Caminoroute, die am häufigsten frequentiert wird und die gemeinhin als „der“ Jakobsweg gilt, startet im französischen Pyrenäenort St. Jean Pied de Port. Von dort führt die erste Radetappe in den ersten bedeutenderen Ort auf spanischer Seite Pamplona. Allerdings ist der Fußpilgerweg auf diesem Teilstück mit dem Rad nicht befahrbar und die Serpentinenstraße ohne Radfahrstreifen eine einzige Tortur. Hinzu kommt, dass Pamplona der Verkehrsknotenpunkt ist, an dem Flugzeuge landen, Bahnen und Busse an- und abfahren und auch die Stationen der Mietwagenunternehmen ihren Standort haben.

Da ich weder eine langwierige Bus- oder Bahnfahrt auf mich nehmen wollte und ich auch nicht auf die Idee kommen würde, mein Fahrrad einem Luftfahrtunternehmen (vielleicht gar noch Iberia) anzuvertrauen, wobei dies dabei im Vorfeld auch komplett zerlegt werden müsste, stand für mich fest, dass die Anreise mit dem Auto erfolgt. Bereits im Vorfeld buchte ich eine Übernachtung im Zenithotel in Pamplona, wo ich auch für die Dauer meiner Reise das Auto in der hauseigenen Tiefgarage belassen durfte, was auch im Vorfeld so vereinbart wurde.

Bleibt dann noch das Problem der Rückreise von Santiago de Compostela nach Pamplona. In der spanischen Bahn dürfen keine Fahrräder transportiert werden, das Busunternehmen ALSA fährt täglich einmal nach Pamplona und gestattet die Mitnahme von bis zu 4 Fahrrädern, was man allerdings nicht vorbuchen kann und wobei man ewig unterwegs ist, da man zwischendurch auch noch umsteigen muss. Also habe ich im Vorfeld bereits über „Billiger-Mietwagen.de“ einen Mietwagen für meinen Abreisetag von Santiago nach Pamplona für 80 Euro über Europcar gebucht. Hierbei ist zwingend zu beachten, die Anmietstation am Hauptbahnhof zu wählen, da die andere Anmietstation am Flughafen etwa 15 km stadtauswärts ist. Den Mietwagen hätte ich bis 24 Stunden vor dem geplanten Anmiettermin kostenlos stornieren können, wäre etwas dazwischen gekommen. Selbstverständlich ist weiter zu beachten, dass man über „Billiger-Mietwagen.de“ für einen geringen Aufpreis eine Vollkaskoversicherung abschließt, um im Schadensfalle nicht auf einem horrenten Eigenkostenanteil sitzen zu bleiben. Da der Rückfahrtstag ein Samstag war und abends natürlich in Pamplona keine Anmietstation mehr offen hat, wurde die Abgabe im Navarra-Hotel von Pamplona vereinbart. Letztlich war das alles völlig unproblematisch, obwohl ich mir im Vorfeld hierzu etliche Gedanken gemacht hatte.

3.) Die Ausstattung:

Für die Fahrt benutzte ich mein Treckingrad Gudereit LC 90, 2 wasserdichte Hinterradtaschen (Vaude), eine Lenkertasche (Vaude) mit aufklebbarem Kartenhalter (selbst gebastelt) und meinen wasserdichten Ortliebseesack, in dem das „Notfallzelt“ einschließlich Schlafsack untergebracht waren. Neben schnelltrocknender Funktionskleidung und Regenkleidung hatte ich auch einen Pullover dabei (was notwendig ist, da es auf den Bergen sehr kalt sein kann und einmal auch war) und eine leichte aufblasbare Isomatte für Zeltübernachtungen. Neben selbstverständlichen Sachen wie Fotoapparat, Ladekabel, Handy etc. sollte man auch Ersatzschläuche nicht vergessen und auch nicht das Navigationsgerät für die Rückfahrt von Santiago nach Pamplona, wenn man mit dem Mietwagen zurückfährt.

4.) Unterkünfte und der „Fußpilgeralltag“:

Im Hinblick auf die Übernachtungen habe ich es wie Hape Kerkeling gehalten. Ein Gemeinschaftsraum mit einer Unzahl schnarchender Fußpilger wäre mein Alptraum gewesen, allerdings bieten auch einiger Albergues (so heißen die Pilgerunterkünfte in Spanien) Einzelzimmer zu moderatem Aufpreis an. Allerdings sind diese meist belegt, wenn der Radpilger eintrudelt oder versteht der Spanier, der im Normalfall außer Spanisch kein Fremdwort kennt, nicht, was man will. Allerdings gibt es in jeder halbwegs größeren Ortschaft auch Pensionen, Hostals oder 1- bzw. 2-Sterne-Hotels zu moderaten Preisen zwischen 20 und 40 Euro pro Nacht. Zumindest im Mai ist es außer an Samstagen auch kein Problem, abends gegen 18.00 Uhr noch eine entsprechende Unterkunft zu finden.

Der „normale“ Fußpilger geht spätestens gegen 6:00 Uhr los, um ja rechtzeitig, wenn die Herbergen um 12:00 Uhr öffnen, an einer solchen zu sein, um das beste Bett zu ergattern. So beginnt immer kurz vor 12:00 Uhr mittags der Kampf um die besten Herbergsplätze. Oft sieht man schon gegen 11:45 Uhr eine große Schaar Fußpilger vor den Albergues, die darauf warten endlich eingelassen zu werden. Mit dem Sinn einer solchen Pilgerreise, die Anne Butterfield in ihrem neuen Buch „Ich bin da nochmal hin“ wie folgt beschreibt: „Der Weg ist wichtiger als das Ziel. Es ist eine Pilgerreise, also eine längere körperliche Anstrengung, die zur spirituellen Läuterung des Pilgers beitragen soll.“ (Seite 22) hat das natürlich nichts zu tun. Obwohl ich selbst nicht religiös bin, habe ich mir auf dem Weg die eine oder andere Kirche auch von innen angesehen, der normale Fußpilger hat für solche Zwischenstationen meist keine Zeit und hetzt an den Sehenswürdigkeiten entlang der verschiedenen durchlaufenen Orte vorbei, ohne diese auch nur eines Blickes zu würdigen. Allgemein scheint für eine nicht unbeträchtliche Zahl der Pilger der Jakobsweg eine reine Funveranstaltung zu sein, um nicht zu sagen, ein wochenlanges Saufgelage. Zitat eines Deutschen Pilgers: „Wenn das so weitergeht, werde ich hier noch zum Alkoholiker.“ Als ich in der riesigen Pilgerherberge des Benediktinerordens in Sahagun einen Übernachtungsplatz in einem Einzelzimmer bekam, staunte ich nicht schlecht, als bei der täglich um 19:00 Uhr stattfindenden Messe die Zahl und der Name der an diesem Tage eintreffenden Pilger bekannt gegeben wurden. Außer 5 Deutschen, einem holländischen Pärchen und einer Belgierin war niemand gekommen. Ja, im Benediktinerorden gibt es ein Alkoholverbot und ist Nachtruhe um 22:00 Uhr vorgeschrieben, nichts also für den üblichen Spaßpilger, der lieber auf eine der vielen privat geführten Albergues mit deren Bequemlichkeiten steht. Um noch mit einer im Internet kursierenden Mär aufzuräumen: Ob man Fuß- oder Radpilger ist, interessiert bei der Aufnahme im Albergue keinen Menschen. Wichtig ist nur, wer zuerst kommt, mahlt zuerst und wer aufgenommen werden will, muss löhnen.

5.) Stempelstellen und Compopstela

Am Anfang der Reise sollte jeder Pilger einen Pilgerpass erwerben, denn nur dieser bringt den Nachweis der Durchführung der Tour, in dem man in diesen die Stempel der durchwanderten bzw. durchfahrenen Ortschaften eintragen lässt. Nebenbei berechtigt auch nur der Pilgerpass zur Übernachtung im Albergue.

Den Pass kann man entweder im Vorfeld über eine deutsche Jakobusgemeinde für 7 Euro erwerben oder man kauft diesen für 1 Euro in dem ersten Albergue, das man erreicht. Der Stampelpass enthält nur Platz für 40 Stempel, so dass man sinnvollerweise gleich mehrere Pässe kaufen sollte. Ist der erste voll, klebt man den neuen an den Vorherigen mit Klebeband an.

Stempel erhält man in jedem Albergue (egal ob man dort übernachtet hat oder nicht), in Pensionen, Hostals, Hotels, in jeder Bar, auf dem Campingplatz, in jeder Kirche (sofern diese geöffnet ist) und an den Informationsschaltern der Touristenoffice. Die Stempel weisen zumeist einen Bezug zum Jakobsweg und der jeweiligen Örtlichkeit auf. Hierbei gibt es natürlich äußerst attraktive und weniger attraktive Stempel. Insgesamt soll es allein auf dem Camino de Frances an die 2.000 verschiedene Stempelstellen geben. Ich habe auf meiner 13-tägigen Reise 99 Stempel gesammelt.

Da die Stempel in den meisten Bars einfach auf dem Tresen ausliegen und auch in den Kirchen man im Normalfall „Selbststempler“ ist, zieht dies natürlich auch „Jakobswegbetrüger“ an, die die begehrte Compostela mit unlauteren Mitteln erlangen werden. So gibt es geführte Bustouren entlang des Jakobsweges, wobei die Insassen ab und an bei interessanten Punkten herausgelassen werden, damit diese ihre 100 Meter auf dem Jakobsweg zurücklegen und sich eine Stempelstelle suchen können. Da man offiziell nur die letzten 100 km wandern muss, um die Compostela zu erhalten, nimmt das Pilgeraufkommen vor Santiago deutlich zu. Viele fahren da mit dem Auto von Stempelstelle zu Stempelstelle oder gibt es Reisende, die für ihre gesamte Verwandtschaft und Bekanntschaft Pilgerpässe dabei haben, die nacheinander abgestempelt werden. In einer „Selbststemplerkirche“ stand eine Frau vor mir, die nur mit einer anderen Frau und einem Mann unterwegs war und die sage und schreibe 15 Pilgerpässe (die diese in verschiedenen Kuverts bei sich führte, wahrscheinlich um nicht durcheinanderzukommen) abstempelte. Natürlich war dies auch diejenige, die erst beim vierten Klingeln den Weg für eine Vorbeifahrt für mein Rad eröffnete.

6.) Verhältnis zu Fußpilgern:

Fußpilger sieht man als Radfahrer gewöhnlich nur einmal, nämlich dann, wenn man diese überholt. An engen Stellen kann es schon manchmal nervend sein, wenn man an den Fußpilgern vorbei will und diese zu viert nebeneinander laufen. Allerdings gehen die meisten ohne murren zur Seite, wenn ein Radpilger naht. Etwas länger brauchen dafür, obwohl der Radpilger erkannt wurde, für gewöhnlich – wie könnte es auch anders sein – die deutschen Gruppenpilger, die der Meinung sind, den Weg für sich gepachtet zu haben. Wie oben bereits geschrieben, läuft der Fußpilger für gewöhnlich nur bis Mittag. Demnach ist der Nachmittag und der frühe Abend die Zeit des Radfahrers, da man dann oftmals entweder allein oder mit wenig Fußpilgern auf dem Camino unterwegs ist. Pilger kommen wirklich aus allen Teilen der Welt. Auffällig ist, dass etliche allein reisende Frauen aus Korea und unzählige Pilger aus Australien, Neuseeland und Südamerika mit teilweise bedenklicher Ausstattung unterwegs sind.

7.) Kartenmaterial:

Natürlich habe ich im Vorfeld Kerkelings Klassiker gelesen, für die Fahrt nutzte ich dann ausschließlich das Bikelineheft mit dem Titel „Der Jakobsradweg“ und Bruckmanns Radführer von Troidl/Lenz mit dem Titel: „Der spanische Jakobsweg – 14 Tagesetappen mit Karten 1: 75.000“. Im Bikelineheft bestachen wie immer die präzisen und super gestalteten Karten, allerdings waren die Streckenvorschläge miserabel, da der Camino zu oft auch dort als Fahrvariante ausgespart wird, wo dieser problemlos zu befahren ist. Bruckmanns Radführer weist hervorragende Etappenbeschreibungen auf, an die ich mich zu 95 % gehalten habe, allerdings sind die Karten erbärmlich. Demnach habe ich die jeweiligen Etappen von Bruckmanns Radführer in das Bikelineheft übertragen, dass auf der Lenkertasche saß und Bruckmanns Radführer ergänzend in der Lenkertasche mitgeführt.

Natürlich war auch während der gesamten Tour das Wetter auf meiner Seite, so dass der Camino mit dem Rad auch befahrbar war. Insgesamt hatte ich auf der gesamten Strecke nicht mehr als 10 Regenminuten.

Auch wenn beide Radführer aus dem Jahr 2008 stammen, sind diese bis auf minimale Passagen hervorragend nutzbar. In Leon und Burgos, den einzigen größeren Städten entlang des Jakobsweges wurden unterdessen vermehrt Radwege gebaut und das Fortkommen für den Radpilger erleichtert, was naturgemäß in den jeweiligen Auflagen meiner beiden Radführer nicht aufgeführt sein kann. Ansonsten kann man sich auf dem Camino eigentlich nicht verfahren, da alle paar Meter entweder ein gelber Pfeil oder eine Muschel den Weg weisen. Dass ich es letztlich doch einmal geschafft habe, vom rechten Weg abzukommen, war meine eigene Schuld.

8.) zum Buch von Anne Butterfield mit dem Titel: "Ich bin da nochmal hin" (Erscheinungsjahr in deutscher Sprache: 2012)

Anne Butterfield ist diejenige Pilgerin aus England, mit der Hape Kerkeling einst einen Teil des Weges zurücklegte. Butterfield kam auf die Idee, im Juni 2010 den Camino nochmal mit dem Rad abzufahren mit dem erklärten Ziel, den Sinn des Camino zu ergründen, der ihr bei der einstigen Pilgerreise verborgen geblieben ist und auf dem Weg neue Freunde zu finden.

Butterfield hat es mit dem Rad gerade mal bis Logrono geschafft und ist den Rest zu Fuß gelaufen, was die Autorin damit begründet, dass der Camino nicht mit dem Rad befahrbar sei, den diese begleitenden Landstraßen voller Autoverkehr wären oder die Landstraßen aufgrund Autobahnneubaus verschwunden seien, sie durch Tunnel hätte fahren müssen etc. Hierzu kann ich nur sagen: alles Unsinn! Zuzugeben ist Butterfield, dass diese in den ersten Tagen Dauerregen hatte, was natürlich stark aufs Gemüt geht, allerdings reiste die gute Frau ohne jedwede sinnvolle Vorbereitung mit einem 10 Jahre alten Wanderführer, 5-Euro-Aldi-Regenkleidung und einem offensichtlich völlig ungeeigneten Fahrrad. Die Streckenbeschreibungen sind für mich nicht nachvollziehbar. Weder sind Landstraßen durch Autobahnneubau verschwunden (die Spanier bauen immer daneben), noch fährt man irgendwann einmal durch einen Tunnel, noch gibt es relevanten Verkehr auf den den Camino begleitenden Landstraßen. Vielmehr haben diese großteils nur noch die Funktion eines überbreiten Radweges und das war bereits 2010 so. Die einzige Erinnerung Butterfield an ihren ersten Camino waren langausgedehnte Weizenfelder (die mir nicht aufgefallen sind). An Berge konnte sich Butterfield nicht erinnern. Nach der Kathedrale von Pamplona fragte Butterfield einen Pilger am Ortsausgang, obwohl sie die Innenstadt passierte (und die Kathedrale unübersehbar ist). Irgendwann will Butterfield auch auf der Autobahm gefahren sein, was ihr Polizisten geraten hätten. Wo auch immer Butterfield unterwegs gewesen sein will, wahrscheinlich muss sie in einer Parallelwelt ihre Reise absolviert haben. Soviel unfassbaren Nonsens wie in diesem Buch habe ich in keinem anderen Reisebericht gelesen. Kein Wunder auch, dass ihre sämtlichen "Freunde" immer wieder sehr schnell das Weite gesucht haben. Sehr "spannend" sind auch ihre Fußballerklärungen. Thomas Müller sei mit 24 Jahren (Seite 197) der jüngste deutsche Nationalspieler im Jahr 2010 gewesen, der 21-jährige Boateng war also älter. Ich könnte mich noch weiter über dieses Buch auslassen, aber da könnte ich Romane schreiben. Also eine Bitte an jeden Radpilger: Keinesfalls von diesem Unsinn abschrecken lassen. Nichts davon entspricht der Wahrheit.

9.) interessante Websites zum Thema:

Im Internet kursieren mehr oder weniger brauchbare Radberichte über den Camino. Den einzig wirklich sinnvollen zum Camino de Frances fand ich unter folgender Adresse:

http://www.ph2.net/ph/jakobsweg1.html

Sollte sich jemand an den wesentlich schwierigeren Camino de Norte mit dem Fahrrad heranwagen wollen, sollte er zuvor folgende Seite lesen:

http://www.thomas-wascher.de/tagebuch.html

10.) Die Tour an sich:

Freitag, 11.05.2012 bis Samstag, 12.05.2012: Autofahrt von Dresden nach Pamplona

Meine Abfahrt in Dresden erfolgte gegen 15.00 Uhr (nach der Arbeit) bei gutem Wetter. Ich wollte eigentlich vor der Grenze zu Frankreich übernachten, war aber noch nicht müde. Ab Grenzübertritt wurde das Wetter dann – wie angekündigt – spürbar schlechter, es begann zu regnen und zu gewittern, was sich auf der ganzen Fahrt durch Frankreich hindurch nicht mehr änderte. Ich bin die Strecke über Mulhouse und Dijon gefahren und habe zwischenzeitlich 2 Stunden im Auto auf einem Rastplatz geschlafen. Kurz nach dem Grenzübertritt zu Spanien wurde es sonnig. Am Nachmittag kam ich dann in Pamplona an, allerdings gestaltete sich die Suche nach dem Zenit- Hotel schwierig. Natürlich hätte ich die Anschrift bereits vor Abreise in mein Navigationsgerät eingeben können, ich dachte aber, dass ich das auch noch bei Ankunft erledigen könnte. Nur kannte mein Navigationsgerät die Adresse nicht. So folgte eine längere Suche trotz einer guten Wegbeschreibung eines der wenigen Spanier, die ich während der Reise kennenlernte, der der englischen Sprache mächtig war. Letztlich liegt das Zenithotel im Südosten vom Pamplona in einem halbfertigem Gewerbegebiet in der Nähe der Uni, Die Anfahrt über mehrere Kreisverkehre ist derart komplex, dass es auszuschließen ist, dass dieses Hotel von irgend einem Menschen zufällig angesteuert werden könnte. Für 68 € mit Frühstück konnte ich – wie bereits dargelegt – kostenlos mein Auto in der Tiefgarage abstellen. Selbstverständlich begab ich mich alsbald zu einer Stadtbesichtigung zu Fuß, wo ich mir die ersten zwei Stempel in der Kathedrale und einem Albergue holte.

1. ETAPPE, 13.05.2012: PAMPLONA – ESTELLA: 70 km

Ich startete frühmorgens in Pamplona, fuhr über die Universität de Navarra, weil es dort einen der schönsten Stempel des Jakobsweges geben soll, was auch so ist. Im Anschluss daran richtete ich mich nach Bruckmanns Radführer, da der Originalcamino auf dieser Etappe steinig und felsig und für Radfahrer ungeeignet sein soll. Entsprechend fuhr ich ohne nennenswerte Steigungen über die  NA 6000 bis Campanas auf einer kaum befahrenen Straße, dann etwa 1,5 km entlang der N 121 auf dem etwa 1,5 Meter breiten Seitenstreifen bis zum Abzweig nach Eneriz, dem ich dann folgte. Über einen Feldweg gelangte ich zur Kirche Santa Maria de Eunate.

Dann ging es weiter nach Puente la Reina, wo ich in der Bar „La Playa“ zu Mittag aß (dort suchte eine Asiatin, die eine Bustour entlang des Camino machte, nur mit Handtäschlein versehen, eine Stempelstelle; der Busfahrer erklärte, dass die Reisenden ab und an ein paar Meter auf dem Camino gehen können, sich dort eine Stempelstelle suchen sollen um ihren Pass zu stempeln und es danach mit dem Bus weitergehe). Der Reiseführer empfiehlt nun die Weiterfahrt auf der N 111 bis Cirauqui, da der Camino schlecht befahrbar sei, ich wollte es aber wissen und fuhr ab Puente la Reina den Camino bis Cirauqui. Allerdings war die Strecke schwierig zu bewältigen und teilweise so steil, dass selbst das Schieben zur Qual wurde.

Durch den völlig ausgestorbenen Ort Cirauqui hindurch ging es weiter entlang der nahezu verkehrsfreien N 111a bis Lorca, von dort führte der Jakobsweg bis Estella, wo ich in der Fonda „San Andres“, einer sehr schönen und von einer herzlichen älteren Dame geführte Pension, für 25 € übernachtete, nachdem ich den Abend in der „Florida-Bar“ ausklingen ließ.

2. ETAPPE, 14.05.2012: ESTELLA – LOGRONO: 52 km

Ich startete gegen 8:30 Uhr in Estella, fuhr auf dem Camino bis Irache, viele Pilger waren unterwegs. Mein erster Stopp erfolgte an der „Bodegas Irache“, einem Kloster mit einem Wasser- und Weinzapfhahn an der Außenseite.

Weiter ging es auf der kaum befahrenen N 111 bis Villamayor, dann auf dem Camino auf einer sehr schönen Strecke bis Los Arcos und danach über Torres del Rio und Viana nach Logrono.

Auf dem Weg dorthin habe ich auch den Radfahrer vom Vortag wiedergetroffen, mit dem ich mich auf englisch über den Standort eines Albergue verständigte, wo dieser seinen Pilgerstempel abholen wollte. Es stellte sich heraus, dass es sich bei diesem Radfahrer um Alfred, einem Geschäftsführer einer Computerfirma aus Nürnberg, handelte. Kurz vor Logrono kam ich am Hause der Maria Feliza mit ihrem Stand vorbei. Ich holte mir den obligatorischen Feliza-Pilgerstempel und machte eine kurze Rast. in Logrono checkte ich in der Pension „La Bilbaina“ für 25 € die Nacht ein, mein Fahrrad wurde in der Wäschekammer verstaut. Am Abend besichtigte ich dann Logrono.

3. ETAPPE, 15.05.2012: LOGRONO – BELORADO: 86 km

Eigentlich wollte gegen 7:30 Uhr starten, da eine lange Etappe auf dem Plan stand, allerdings war mein Fahrrad in der Wäschekammer eingeschlossen und niemand da. An der Außentür stand eine Telefonnummer der Pension, Nachdem ich diese wählte und mit einem Mann sprach, der zumindest ein paar Brocken englisch verstand, kam aus einem Zimmer ein völlig verschlafener Angestellter und öffnete die Wäschekammer, um danach wieder ins Bett zu gehen. Auf dem Camino fuhr ich auf geteerter Straße bis Navarette, weiter auf dem Camino über Ventosa bis Najera, wo ich Mittag machte. Danach ging es weiter auf dem Camino bis Azofra durch Weinanbaugebiete.

Danach auf der Landstraße über Canas stark ansteigend bis Manzanares und hinab nach Santo Domingo de la Calzada, einer wenig beeindruckenden und völlig überlaufenen Kleinstadt. Auf der N 120, die parallel zum Camino verläuft fuhr ich weiter über Granon, Castildelgardo nach Belorado. Die Unterkunftssuche gestaltete sich schwierig, sämtliche Pensionen waren voll, auch das Hotel Jakobus, das mich an das am Ortsausgang gelegene Hotel Belamonte verwies, einem 1-Sterne-Hotel, in dem ich für 30 € die Nacht verbleiben konnte. In einer angeschlossenen und zudem von einem Hund bewachten Garage konnte ich mein Fahrrad abstellen. Wie hätte es auch anders sein sollen: Alfreds Fahrrad stand schon da. Belorado verfügt über einen sehr schönen Marktplatz, auf dem gerade ein Volksfest stattfand. Im Hotel habe ich dann Alfred wiedergetroffen, der gerade Karten schrieb.

4. ETAPPE, 16.05.2012: BELORADO – BURGOS: 70 km

Zum Frühstück im Hotel Belamonte setzte sich ein Radfahrer zu mir an den Tisch, den ich schon am Vortag gesehen hatte, es handelte sich um einen Radfahrer aus Ceska Budejevojce, der von dort anreiste um bis nach Santiago de Compostela zu fahren. Wie er zurück komme, wisse er noch nicht, vielleicht mit einem Fernfahrer oder sonst wie per Anhalter. Ich fuhr zunächst gemäß der Empfehlung von Troidl/Lenz entlang der N 120 bis Villafranca Montes de Oca und dann die Umgehung des Montes de Oca über Villamondar und Juarros zur Abtei San Juan de Ortega auf einer sehr schönen Landstraße, wenngleich die Strecke zwischen zwischen Villamondar und Juarros steil anstieg und ich viel zu schieben hatte. Ab San Juan de Ortega sieht der Camino nun zwei Alternativrouten vor, die auch beide an einem großen Schild in San Juan de Ortega aufgezeichnet sind: eine geht entlang der N 120 nach Burgos und die andere über den 1.078 m hohen Matagrande und Villafria nach Burgos, wobei erstere Route für Radfahrer explizit auf dem Schild empfohlen wird. Da aber Troidl/Lenz den Weg über den Berg wegen seiner Naturschönheit empfahlen, ließ ich mich dazu hinreißen, den Bergweg anzugehen, obwohl selbst mehrere Fußpilger lieber den „leichten Weg“ nahmen. Der Weg über steinige Pisten und im letzten Stück zum Matagrande sogar felsigen Abschnitten ist natürlich nicht wirklich radfahrtauglich.

Hier sieht man nun auch am Wegesrand verstärkt Kreuze, die im Gedenken an diejenigen Pilger aufgestellt wurden, die auf dem Camino ihre letzte Ruhe fanden. Zu allem Überfluss geriet bei der Abfahrt von diesem Berg auch noch eine Wespe zwischen die Schnürung meines Radhelmes und meines Kinns mit den entsprechenden Folgen, so dass ich meinen erster Wespenstich überhaupt „erlebte“. Im Anschluss folgte eine 10 km lange Einfahrt nach Burgos über Gewerbegebiete entlang der N 1. In Burgos suchte ich zuerst die Kirche im Stadtzentrum, um von dort aus dann eine nahe Unterkunft aufzutreiben, wobei die Wahl auf das Hotel Jacobeo direkt am Jakobsweg fiel, wo ich ein Einzelzimmer für 40 Euro buchte. Bei der anschließenden Stadtbesichtigung einer der schönsten Städte, die ich je gesehen habe - die Stadt erinnert aufgrund der vielen schönen Plätze etwas an Rom - traf ich auch Alfred wieder, der wie es der Zufall will, auch noch im selben Hotel eincheckte und dass, obwohl Burgos sicherlich mehrere 100 Unterkunftsmöglichkeiten aufzuweisen hat. Dieser war schon geraume Zeit in Burgos, da er den „leichten Weg“ fuhr. 

5. ETAPPE, 17.05.2012: BURGOS – FORMISTA: 72 km

Gegen 9:00 Uhr führte mich der breite Camino über Tardajos, Hornillos de Campo nach Hontanas, einem schönen Ort in einer Senke. Dort traf ich auch auf Alfred, der bereits in einem Cafe weilte. Der Camino führte mich weiter zu den Ruinen den Konvents San Anton, das aber noch eine Pilgerherberge und einen voll funktionsfähigen Getränkeautomaten direkt an einer Mauer beherbergte und dann weiter bis Castrojeriz. Auf einer kaum befahrenen Landstraße zur Umgehung eines felsigen Abschnittes ging es weiter über Castrillo Matajudios zur Pilgerherberge San Nicolas, die direkt an einer Brücke über den Rio Pisuerga liegt, wo es den schönsten Stempel entlang des Jakobsweges gibt. Auf dem Weg dorthin begegneten mir verschiedene deutsche und slowakische Radreisegruppen, wobei die Unternehmen die Reisenden immer zu bestimmten Ausgangspunkten bringen und dann einen bestimmten Abschnitt des Camino fahren lassen, wo diese dann wieder eingesammelt und zu einem anderen Punkt verfrachtet werden, was für die betreffenden Reisenden natürlich den Vorteil hat, mit wenig Gepäck steilere Passagen anzugehen. Der Vorsteher der Pilgerherberge prüfte als Einziger bislang meinen Pilgerpass haargenau und sah sich jede Eintragung an, bis er mir den begehrten Stempel zukommen ließ. Bei heftigem Gegenwind ging es auf der Landstraße nunmehr weiter bis Boadilla del Camino und dann auf dem Camino entlang eines Kanales, auf dem wegen des starken Windes Wellen schlugen, nach Formista, einer Kleinstadt mit einer prächtigen Kirche auf dem zentralen Platz.

In Formista kam ich in der Pension „Marisa“ unter, die zwar nur 18 € die Nacht kostete, allerdings auch nur über eine Gemeinschaftsdusche verfügte. In einer der beiden Bars auf dem zentralen Platz von Formista traf ich dann auch Alfred, mit dem ich die Erlebnisse des Tages austauschte. An den Nachbartischen befanden sich mehrere Pilger aus Australien.

6. ETAPPE, 18.05.2012: FORMISTA – SAHAGUN: 64 km

Von Formista ging es auf der neben dem Camino befindlichen Landstraße über Ravenga de Campos nach Carrion de los Condes, dann weiter auf dem Camino nach Calzadilla de la Cueza.

Weiter dann auf der neben dem Camino befindlichen N 120 über Ledigos nach Sahagun wo ich im Albergue des Benediktinerordens, einem Gebäude, das wie ein Gefängnis aussieht, eincheckte, da es hier auch Einzelzimmer gibt.

Da es in diesem Albergue keinen Alkohol zu trinken gibt und eine strenge Nachtruhe ab 22.00 Uhr einzuhalten ist, war das Pilgeraufkommen in diesem kirchlichen Albergue begrenzt, nur insgesamt 9 Pilger fanden sich hier ein (3 Holländer, 1 Belgierin, der Rest Deutsche, darunter Alfred und ich). Als ich an der Herberge ankam, das Einzelzimmer kostete 20 €, bog auch Alfred gerade ein, der sich ebenfalls ein Einzelzimmer sicherte. Um 19.00 Uhr fand in der Kapelle des Ordens eine Begrüßungsveranstaltung für die an diesem Tage eintreffenden Pilger statt. In diesem Albergue bekommt man einen weiteren sehr schönen Pilgerstempel.

7. ETAPPE, 19.05.2012: SAHAGUN – LEON: 67 km

Auf der den Camino begleitenden N 120 ging es von Sahagun nach El Burgo Ranero. Am Ortseingang habe ich zwei argentinische Radpilger getroffen, die mir erzählten, sie seien in Pamplona gestartet, wo sie die Räder käuflich erworben hätten, wobei sie diese in Santiago wieder verkaufen wollten.

Erstmals fing es hier zu regnen an, so dass ich in einer Bar meine Regenklamotten anzog. Weiter ging es bis Mansilla de las Mulas, aber schon auf dem Weg dorthin hörte es auf zu regnen und kam wieder die Sonne zum Vorschein. Ab Mansilla war spürbar mehr Autoverkehr zu verzeichnen. Auf dem Seitenstreifen der den Camino begleitenden N 601 ging es über Villarente nach Leon, das für Radpilger Radfahrstreifen baute; nie zuvor gestaltete sich die Unterkunftssuche aber so schwierig wie in Leon. In mehreren Pensionen und Hotels wurde mir mitgeteilt, dass an diesem Wochenendtag alles ausgebucht sei in Leon, ich würde wohl kaum noch was finden. Nach 2 Stunden der Suche fand ich allerdings die Bar und Pension „El Horno“, die mir eine Übernachtung für 25 € in einem Einzelzimmer stellte, die Bar verfügte zudem über eine große Leinwand und man teilte mir mit, dass an diesem Abend das Champions League- Endspiel Bayern gegen Chelsea angeschaut werde, was ich natürlich dann auch nutzte. Zuvor erfolgte natürlich noch die Stadtbesichtigung, wo ich auch Alfred getroffen habe, der in einem teuren Nobelhotel untergekommen war.

8. ETAPPE, 20.05.2012: LEON – ASTORGA: 60 km

Von der Unterkunft ging es zunächst zur Kathedrale, dann auf dem ausgeschilderten Camino durch Leon hindurch auf mehr oder weniger stark frequentierten Straßen bis La Virgen del Campo. Am Ortausgang befindet sich dann ein großes Schild, ausweislich dessen man nun die Wahl hat, bis Hospital de Orbigo den Camino begleitend zur N 120, zwischen der A 71 und der N 120 über San Martin del Camino und San Miguel del Camino zu begehen bzw. zu befahren oder die längere, abseits stark frequentierter Straßen, vermeintliche Originalcaminostrecke über die Dörfer Oncina de la Valdoncina, Chozas de Abajo und Villavente zu nehmen, bevor sich beide Routen in Hospital de Orbigo wieder vereinen. Ich entschied mich für die 2. Variante über die Dörfer und bereute es nicht. Über abwechselnd Piste und kleine Landsträßchen ging es entlang, in Chozas de Abajo, einem Dörfchen, konnte man wahrscheinlich das Geld für eine Kirche nicht aufbringen, deshalb hat man eine pyramidenförmige mit Glocken bestückte Metallkonstruktion entwickelt, die immer zur vollen Stunde ihr bestes gibt.

In Hospital de Orbigo geht es über eine 20-bögige Brücke durch den Ort.

Danach hat man wiederum die Wahl über Villares de Orbigo und dem Alto de la Montana zu „radeln“, wobei der Reiseführer von steinigen und felsigen Abschnitten mit Schiebestrecken spricht oder entlang der N 120 nach Astorga zu fahren. Hier entschied ich mich für die Variante entlang der N 120, da sich im Hintergrund eine Gewitterfront anbahnte. Auch diese Entscheidung war richtig. Obwohl es schon kurze Zeit danach um mich herum donnerte und blitzte zog ich meine Regenklamotten unnütz an, irgendwie schob sich diese Front an mir vorbei. Alfred erzählte mir später, dass es in Astorga gehagelt habe. Allerdings erlitt ich unmittelbar vor Astorga einen Speichenbruch am Hinterrad meines Fahrrades. Da es Sonntagabend war, war an eine Reparatur natürlich nicht mehr zu denken, aber eine Konsultation meines Reiseführers von Troidl/Lenz und ein Rundgang durch den Ort liesen mich frohlocken, dass mein Rad einer fachgerechten Reparatur zugeführt werden könnte, da sich sowohl in der Altstadt als auch an der Avenida las Murallas, der den Ort durchführenden Nationalstraße eine Reparaturwerkstatt befinden, erstere öffnete 10:00 Uhr, letztere öffnete 9:30 Uhr. So suchte ich mir auch eine Unterkunft in der Nähe der letztgenannten Werkstätte und entschied mich für das Hostal „La Coruna“, das 35 € für ein Einzelzimmer kostete. Bei der Stadtbesichtigung traf ich dann auch Alfred, wobei wir uns in einer Pizzeria verköstigten. Ausweislich des Reiseführers waren die relativ ruhigen Zeiten auf dem Camino nunmehr vorbei, die hohen Berge standen an.

9. ETAPPE, 21.05.2012: ASTORGA – PONFERRADA: 59 km

Schon um 9:00 Uhr begab ich mich zur Reparaturwerkstatt an der Avenida las Murallas, in der Hoffnung, dass diese eventuell eher geöffnet sein könnte. Dies schien auch so zu sein, denn der Besitzer kam gerade aus der Werkstatt. Allerdings zeigte er mir auf die Uhr und auf sein Moped und erklärte mir mit Händen und Füßen, dass er noch eine Besorgung zu erledigen habe und erst 9:30 Uhr wieder da sei. Dabei warf er auch bereits einen Blick auf die gebrochene Speiche und nickte und machte dazu eine Geste, die wohl „kein Problem“ darstellen sollte. Vom Äußeren her machte er auch einen kompetenten Eindruck, der sich auch bestätigte. Bis 9:30 Uhr fanden sich drei weitere Personen ein, allesamt Spanier, die mit defekten Mofas erschienen. Die Reparaturwerkstatt reparierte Fahrräder und Mopeds. Mir schwante bereits, dass das eine lange Angelegenheit werden könnte, sollte er die Spanier zuerst dran nehmen. Aber auch hier wurde ich überraschenderweise und hocherfreut eines Besseren belehrt. Ich war zuerst da, also wurde mein Fahrrad auch als erstes repariert. Dabei nahm sich der Mechaniker genug Zeit, das Rad auszubauen, die gebrochene Speiche zu entfernen und nach Einsatz einer neuen die Speichen zu zentrieren und die Unwucht des Rades zu beseitigen. Jeder Handgriff saß. Ich war tief beeindruckt. Zum Schluss verlangte er gerade mal 6 Euro. Ich gab 15 Euro.

Um 10.15 Uhr konnte es dann endlich losgehen. Zunächst abweichend vom Camino nach Castrillo des los Polvazares, einem mittelalterlich wirkenden Dörfchen.

Dann über verschiedene Dörfer ging es auf der den Camino begleitenden Landstraße zunächst nur halbwegs ansteigend bis El Ganso. Dort wurde es nicht nur merklich steiler sondern auch deutlich frischer. Ich musste mir meinen Pullover anziehen. Ab Rabanal del Camino war dann nur noch schieben angesagt, bis ich auf dem Monte Irago mit 1.530 m den höchsten Punkt der Reise erreichte, wo das „Cruz des Ferro“ errichtet wurde, an dem die Pilger entweder mitgebrachte oder auf dem Weg gefundene Steine ablegen.

Die Temperatur lag hier nur noch knapp über dem Gefrierpunkt und ich fror ungemein. Zum Glück gab es keine Niederschläge. Danach geht es nur trügerisch kurz bergab, bevor noch vier weitere heftige Anstiege winken, die mit Gepäck nur schiebend zu bewältigen sind. Erst kurz vor El Acebo geht es dann auf 400 Höhenmetern wieder hinab. Völlig durchfroren kam ich in Ponferrada an, wo immerhin um die 10 Grad Celsius erreicht wurden. Eine Unterkunft fand ich im Hotel „Los Templarius“ in der Altstadt für 38 € die Nacht. Natürlich war die riesige Templerburg von Ponferrada geschlossen, weil die Templerburg montags halt immer geschlossen ist. Ohne Worte. Natürlich traf ich auch Alfred in der Stadt, der mir offenbarte, dass er am nächsten Tag nur eine kurze Etappe fahren wolle und vor dem nächsten gewaltigen Anstieg nach O Cebeiro erst mal Kraft tanken und eine Wetterbesserung abwarten wolle.

Das Wetterargument ließ mich nicht kalt. So habe ich die Gelegenheit genutzt im Internet die Wetterprognose für die nächsten Tage anzusehen. Nach dieser sollte es in den kommenden Tagen bis Donnerstag einen Temperaturanstieg von täglich 10 Grad geben, bis am Donnerstag um die 40 Grad Celsius erreicht seien, bevor es am Freitag wieder etwas „frischer“ werde. Die Regenwahrscheinlichkeit bis Donnerstag liege bei unter 1 %. Da ich grundsätzlichen einen Reservetag hatte, machte ich mein weiteres Fortkommen am nächsten Tag davon abhängig, wie ich mich fühle und wie das Wetter tatsächlich ist. Beim Abendessen im Hotel traf ich auch zwei Reisende aus Chemnitz, die wie ich Fisch gegessen haben. Auch diese wollten am nächsten Tag nur eine kurze Etappe fahren und kannten auch Alfred bereits. Dieser teilte mir später in Santiago – wo ich ihn wiedertraf - mit, dass die Frau des Pärchens eine heftige Fischvergiftung erlitten haben soll und ins Krankenhaus gemusst hätte. Am Fisch im „Los Templarios“ kann es aber kaum gelegen haben, denn ich fühlte mich auch weiterhin pudelwohl und habe zur selben Zeit am selben Ort im „Los Templarios“ gegessen.

10. Etappe, 22.05.2012: PONFERRADA – TRIACASTELA: 84 km

Ich startete gegen 8:45 Uhr und fuhr den Camino, der über Cacabelos auf ruhigen Landstraßen führte, bis nach Villafranca del Bierza, wo ich gegen Mittag ankam. Die Temperaturanzeige lautete auf etwa 30 Grad Celsius, mithin wesentlich mehr als vorausgesagt. Da ich mich gut fühlte und es in den nächsten Tagen so richtig heiß sein würde, entschied ich mich, den nächsten Berg sofort anzugehen. Weiter ging es auf der den Camino begleitenden Landstraße nach Vega de Valcare nur leicht bergan.

Ab Ruitelan begann dann das große Schieben auf fast 20 Kilometer mit nur wenigen Unterbrechungen. Ab Las Herrerias ist es teilweise so steil, dass selbst das Schieben zur Tortur wird.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kam ich schweißtreibend auf dem Passort O Cebeiro auf 1.300 Höhenmetern an, einem mittelalterlich wirkenden Dörfchen, in dem jedwede Unterkunft ausgebucht war. Nach kurzer Abfahrt sind noch drei weitere extrem steile Anstiege zu überwinden, unter anderem der Alto de Pojo, bevor es ab Hospital nur noch bergab geht. Kurz vor Fonfira lockte mich eine vermeintliche Abkürzung nach Triacastela, die  sich sehr schnell als eine steinige Schotterpiste entpuppte, auf der ich fast gestürzt wäre. Natürlich endete diese auf einer Landstraße in einem Ort, den keiner meiner Reiseführer erwähnte und ging es nach links und rechts bergauf. Ich entschied mich für rechts, aber nachdem es hier dann weit einsehbar steil bergauf ging, konnte das unmöglich die richtige Richtung sein. Also zurück und nach links, nach kurzer bergiger Strecke ging es wieder bergab und mündete die Straße in diejenige ein, auf der ich schon eine halbe Stunde eher hätte sein können. Völlig erschöpft kam ich gegen 19:30 Uhr in Triacastela an. Bereits am Ortseingang warb eine Pension. Diese musste es sein. Zwar kostete das Zimmer hier 40 €, allerdings gab es ein sehr gutes Menü zum Abendessen für nur 10 Euro. Für eine Stadtbesichtigung fehlte mir schlichtweg die Kraft.

11. ETAPPE, 23.05.2012: TRIACASTELA – PORTOMARIN: 66 km

Zunächst ging es auf der Nationalstraße leicht bergauf, dann bergab nach Samos, dort führte mich der Camino durch eine Auenlandschaft bis Sarria, weiter dem Camino folgend ging es über Wald- und Feldwege bis Ferreiros, wobei gelegentlich auch Stege über Bäche überquert werden mussten.

Ab Ferreiros ging es über eine kleine den Camino begleitende verkehrsfreie Landstraße ohne wesentliche Höhenunterschiede bis Portomarin, wo ich auf dem sehr schönen Campingplatz „Santa Marina“ erstmals mein Zelt ausprobieren konnte, die Übernachtung für 6 €. Auf dem Campingplatz traf ich 4 Holländer die mit dem Rad aus Holland angereist sind und einen Amerikaner namens John, einen Medizinstudenten aus Minneapolis, der mit seinem Vater und dessen Freundin ab Leon den Camino zu Fuß beschritt. Der eigensinnige Wirt servierte ein großartiges Menü gemeinsam mit einer Flasche Rotwein pro Person. Mit dem Amerikaner saß ich noch bis weit nach Mitternacht bei Wein und Bier auf der Terrasse des Restaurants. 

12. ETAPPE, 24.05.2012: PORTOMARIN – AZURA: 61 km

Obwohl man sich auf dem Camino eigentlich nicht verfahren kann, habe ich dies am heutigen Tag geschafft und wie. Von dem kleinen Sträßchen, das zum Zeltplatz führt, fuhr ich in die falsche Richtung. Obwohl der Reiseführer etwas von Anstiegen berichtete, fuhr ich nur bergab, als ich dann im Tale plötzlich „Rio Ferreira“ las, wusste ich, dass ich 6 km bergab in die falsche Richtung geradelt bin. Konsequenz: 6 km zurück bergauf nach Portomarin schieben. Zur Strafe konnte ich dann weiter das Rad bis Gonzar bergauf schieben. Der Camino führt weiter über Ventas de Noron und Ligonde durch Auenwälder bis Palas de Rei und Coto.

Ab dort nahm ich die den Camino begleitende Nationalstraße bis Melide, wo ich bei etwa 40 Grad Celsius einen kleinen Snack in der Bar „Die zwei Deutsch“ einnahm. Die Betreiber, ein junges Pärchen, wobei nur die Frau ein paar Brocken deutsch sprach. Es stellte sich heraus, dass die Eltern der Frau in Deutschland als Gastarbeiter tätig sind, deshalb der Name „Die zwei Deutsch“. Immerhin waren die beiden geschäftstüchtig und nahmen mir für 2 Bananen und eine Flasche Wasser 3 Euro ab. Ab Melide nahm ich weiter die den Camino begleitende Nationalstraße über Boente nach Azura, wo ich im Albergue „Santiago Apostel“, dass im hinteren Teil eine ganz normale Pension unterhält, ein Einzelzimmer für 20 Euro mit riesigem Balkon bekam. Für das Rad gab es eine Garage. Der Wirt des Restaurants konnte mit dem Wort „Bier“ nichts anfangen, dessen Frau musste ein Übersetzungsprogramm nutzen, für das extra der Computer angeworfen wurde.

13. ETAPPE, 25.05.2012: AZUTRA – SANTIAGO DE COMPOSTELA: 45 km

Ich starte bei dichtem Nebel. Es ging entlang der den Camino begleitenden Landstraße auf dem breiten Seitenstreifen bis Amenal, von dort bergauf bis zur Zusammenführung der N 547 und der N 634. Eine Weiterfahrt auf der Nationalstraße ist ab hier ausdrücklich verboten für Radfahrer. Allerdings gibt es ab hier einen Rad- und Fußweg nach Santiago, der über Villamayor und San Marcos nach Santiago führt, wobei es nochmals sehr bergig zugeht. Die Anfahrt zur Kathedrale gestaltet sich für Radpilger als schwierig. Aber schon bald waren die Kathedrale von Santiago de Compostela und damit das Ziel der Reise erreicht.

Vor irgendwelchen Besichtigungen suchte ich allerdings zunächst die Touri-Info, wo ich mir einen Stadtplan organisierte, mit dem ich dann eine Unterkunft in der Nähe des Bahnhofes und damit der Europcar-Station suchte, an der ich Folgetag meine Rückreise antreten musste. Eine Plane zum Transport des Fahrrades zur Vermeidung der Verschmutzung des Fahrzeuges besorgte ich mir in einem Malergeschäft. Nach der Besichtigung der Kathedrale holte ich mir in einem Nachbargebäude die Compostela ab. Hier ging es zu wie auf einem Einwohnermeldeamt. Die unzähligen Pilger wurden auf 9 Schalter verteilt, wobei der jeweilige Angestellte den Pilgerpass nur einer oberflächlichen Überprüfung unterzieht und man nochmals ein Formular mit den persönlichen Daten ausfüllen muss. Danach erhielt ich die Compostela, wobei mein Vorname ins Lateinische übersetzt wurde („Georgium“). Am Abend traf ich dann Alfred wieder und wir konnten uns über die letzten Radtage austauschen. Er hatte noch mehr Zeit und wollte noch bis zum Meer weiterfahren.  

Rückfahrt, 26.07.-27.07.2012: Santiago – Pamplona - Dresden

Bei Europcar klappte alles reibungslos. 9:00 Uhr startete ich mit dem Mietwagen gen Pamplona, wo ich am frühen Abend ankam. Ich schaffte meine Sachen zunächst ins Auto im Zenit-Hotel, bevor ich nur mit dem Rad und Geldbörse einschließlich der Mietwagendokumente im Auto zum 4 km entfernten Hotel Navarra fuhr, wo ich das Auto in der Tiefgarage abstellte und die Autoschlüssel an der Rezeption abgab. Zurück mit dem Rad im Zenit-Hotel fuhr ich dann gleich weiter gen Dresden über französische Abzockerautobahnen mit kurzer Schlafrunde im Auto, wobei ich am Folgetag gegen 21:00 Uhr in der Heimat ankam. 

Fazit

Eine zwar anstrengende, aber äußerst interessante und abwechslungsreiche Radreise entlang des berühmtesten Pilgerweges der Welt ging zu Ende.